Ein Muslim besucht einen Gottesdienst an Allerheiligen
Heute, am 1. November, ist Allerheiligen, ein wichtiges christliches Hochfest, insbesondere in der katholischen Kirche. An diesem Tag wird aller Heiligen der Kirche gedacht, sowohl der bekannten als auch der unbekannten.
Da ich mich besonders für den interreligiösen Dialog und die Begegnung zwischen verschiedenen religiösen Traditionen interessiere, dachte ich, dass dieser Tag eine gute Gelegenheit wäre, selbst eine solche Erfahrung zu machen. Anstatt nur darüber zu lesen oder mit meinen christlichen Freunden darüber zu sprechen, wollte ich eine Kirche besuchen und aus nächster Nähe erleben, wie Christinnen und Christen diesen besonderen Tag begehen. Ich wollte die Feier einmal selbst miterleben – wenn auch nur als muslimischer Besucher, der neugierig darauf ist, eine andere religiöse Tradition kennenzulernen.
Bevor ich das Haus verließ, erzählte mir ein Freund, dass Allerheiligen in den evangelischen Kirchen in Deutschland normalerweise nicht in derselben Weise gefeiert wird wie in der katholischen Kirche. Deshalb empfahl er mir, lieber eine katholische Kirche zu besuchen, da dieser Tag dort eine besondere Bedeutung hat.
Die katholische Kirche lag allerdings ziemlich weit entfernt, und ich war noch nie zuvor dort gewesen. Deshalb beeilte ich mich ein wenig, um rechtzeitig anzukommen. Doch als ich schließlich dort eintraf, stellte ich fest, dass die Kirche geschlossen war! Ich konnte niemanden sehen, der hinein- oder hinausging. Alles war so ruhig, als wäre es ein ganz gewöhnlicher Wochentag und nicht einmal Sonntag.
So schnell wollte ich allerdings nicht aufgeben, zumal es sich um einen besonderen Tag handelt, der nur einmal im Jahr stattfindet. Also machte ich mich schnell auf den Rückweg zur anderen Kirche, in der Hoffnung, die Gelegenheit nicht doch noch ganz zu verpassen.
Bis heute weiß ich nicht genau, warum die katholische Kirche geschlossen war. Vielleicht war angekündigt worden, dass der Gottesdienst an einem anderen Ort stattfinden sollte, oder möglicherweise war die Feier für den Nachmittag geplant. Da ich niemanden fragen konnte, beschloss ich, keine weitere Zeit zu verlieren.
Glücklicherweise schaffte ich es noch zur anderen Kirche! Ich kam ungefähr zehn Minuten nach Beginn des Gottesdienstes an. Zum Glück hatte die Gemeinde gerade erst angefangen, sodass ich noch nicht viel verpasst hatte.
Ich setzte mich, hörte den Gebeten zu und beobachtete die Gemeinde. Alles war neu für mich, und ich achtete auf die kleinsten Details, während ich versuchte, die einzelnen Abläufe und ihre Bedeutung zu verstehen.
Besonders fiel mir eine kleine Gruppe von Kindern und Jugendlichen auf, die in den vorderen Reihen saßen. Sie hatten kleine Hefte dabei, sogenannte Gottesdiensthefte, in denen sie verschiedene Informationen über den Gottesdienst festhielten. Dazu gehörten das Thema der Predigt, der Psalm, die gesungenen Lieder und sogar ihre persönlichen Eindrücke davon, was ihnen am Gottesdienst besonders gut oder weniger gut gefallen hatte.
Das fand ich ausgesprochen interessant. Denn dieses Heft diente nicht nur dazu, den Gottesdienst zu dokumentieren, sondern bot auch Raum für eine persönliche Reflexion und Bewertung. So gab es beispielsweise eine Frage dazu, was den Teilnehmenden besonders gut gefallen hatte, und eine weitere dazu, was ihnen überhaupt nicht gefallen hatte.
Nach dem Gottesdienst fragte ich den Pfarrer, ob ich ebenfalls ein solches Heft bekommen könnte. Er erklärte mir, dass diese Hefte normalerweise für Jugendliche gedacht seien, die sich auf ihre Konfirmation vorbereiten. Sie würden damit dokumentieren, wie viele Gottesdienste sie besucht hätten, und zugleich verschiedene Informationen und persönliche Eindrücke zu den einzelnen Gottesdiensten festhalten.
Die Idee gefiel mir wirklich sehr! Ich dachte mir: Warum sollte ich nicht etwas Ähnliches machen? Natürlich nicht als Teilnehmer des Konfirmationsunterrichts, sondern als muslimischer Besucher, der seine Kirchenbesuche und persönlichen Erfahrungen dokumentieren möchte.
Ich könnte das Datum jedes Besuchs, das Thema der Predigt, die gelesenen Psalmen, die gesungenen Lieder, interessante Gedanken und meine persönlichen Erkenntnisse festhalten. Auf diese Weise würde jeder Besuch zu einer Gelegenheit des Lernens und Nachdenkens werden. Gleichzeitig könnte ich eine persönliche Dokumentation meiner Reise durch die christliche Welt und ihrer religiösen Praktiken aufbauen.
Interessanterweise stand in dem Heft, das ich fotografiert habe, als Thema des Gottesdienstes handschriftlich das Wort „Vergebung“. Außerdem war dort Psalm 130 vermerkt. Auch diese kleinen Details weckten mein Interesse und brachten mich zum Nachdenken über religiöse Vorstellungen und Begriffe, die Anknüpfungspunkte für einen Austausch zwischen Islam und Christentum bieten können.
Doch damit war mein Erlebnis noch nicht vorbei. Ein unerwarteter Moment stand mir noch bevor!
Gegen Ende des Gottesdienstes bat der Pfarrer alle Anwesenden aufzustehen und nach vorne zu kommen, um am Abendmahl teilzunehmen und Brot und Kelch zu empfangen. Damit wird im christlichen Glauben an den Leib und das Blut Christi erinnert.
Er erklärte, dass es für das Getränk zwei Möglichkeiten gebe: Wein oder Apfelsaft. Während das Brot ausgeteilt wurde, reichte der Pfarrer es den einzelnen Personen mit den Worten:
„Christi Leib, für dich gegeben.“
Ich trat nach vorne und nahm ein Stück Brot entgegen. Fast ganz automatisch flüsterte ich dabei:
بسم الله – Bismillah (Im Namen Gottes).
Dann kam der Kelch!
Ich bemerkte, dass alle daraus tranken, und plötzlich begann ich zu zögern. Als Muslim trinke ich keinen Alkohol, und ich wollte natürlich nichts zu mir nehmen, was meinen religiösen Überzeugungen widerspricht. Schließlich wollte ich meine eigene religiöse Identität nicht vergessen, nur weil ich gerade eine andere religiöse Tradition kennenlernen wollte.
Gleichzeitig wollte ich den Kelch auch nicht einfach unberührt zurückgeben, zumal derjenige, der ihn austeilte, gerade dabei war, die einzelnen Personen der Reihe nach zu bedienen.
Also beschloss ich, zu warten, bis er noch einmal an mir vorbeikam.
Inzwischen hatte der Pfarrer mich während des Gottesdienstes bereits gesehen. Vielleicht konnte er mir auch schon an meinem etwas verzweifelten Blick ansehen, dass ich mich in einer kleinen Zwickmühle befand!
Als er wieder näherkam, fragte ich ihn leise:
„Ist das Saft?“
Er sah mich an und antwortete:
„Ja, das ist Saft!“
Und ich sagte:
„Thank you!“
Und damit war mein kleines Dilemma gelöst!
Wenn ich heute an diesen Moment zurückdenke, muss ich schmunzeln. Die Situation war wirklich amüsant. Gleichzeitig glaube ich, dass gerade dieser kleine Augenblick etwas Wesentliches über meine Erfahrung an diesem Tag aussagt.
Ich hatte die Kirche aus Neugier und aus einem echten Interesse am Verständnis einer anderen religiösen Tradition betreten. Ich wollte die Feier miterleben und daran teilhaben, ohne dabei vorzugeben, jemand anderes zu sein oder meine eigene religiöse Identität aufzugeben.
Für mich bedeutet interreligiöser Dialog nicht, die eigene Identität oder die eigenen Überzeugungen aufzugeben. Vielmehr bedeutet er, anderen Menschen mit Offenheit, Respekt und ehrlicher Neugier zu begegnen, ihre Traditionen und Praktiken kennenzulernen und dabei sich selbst und den eigenen Überzeugungen treu zu bleiben.
Ich bin außerdem der Meinung, dass interreligiöser Dialog nicht auf wissenschaftliche Konferenzen, Seminare oder theologische Debatten beschränkt sein sollte. Er kann bereits damit beginnen, am religiösen Alltag anderer Menschen teilzunehmen, ihre Gotteshäuser zu besuchen, ihren Gebeten zuzuhören, ihre Rituale zu beobachten und einfache Fragen zu stellen, die uns helfen, ihre religiöse und menschliche Lebenswelt besser zu verstehen.
Das kleine Heft, das die Jugendlichen für ihre Gottesdienstbesuche verwendeten, brachte mich schließlich auf eine weitere Idee: Vielleicht sollte ich selbst damit beginnen, meine Kirchenbesuche und persönlichen Erfahrungen systematisch festzuhalten. Vielleicht war dieser Besuch ja der Anfang einer Reihe von Begegnungen, durch die ich mehr über das Christentum lernen kann – nicht nur aus Büchern, sondern auch durch den direkten Kontakt mit gläubigen Menschen und ihren religiösen Praktiken.
Denn manchmal braucht eine Begegnung zwischen Religionen keine komplizierten theologischen Diskussionen oder langen Debatten über Glaubensunterschiede. Manchmal beginnt sie ganz einfach mit einem Stück Brot, einem geflüsterten Bismillah, einem kleinen Heft zum Notieren und einer einzigen, ganz einfachen Frage:
„Ist das Saft?“
Vielen Dank an alle, die mit Interesse lesen und offen bleiben – das bedeutet mir wirklich viel. Teilt gerne eure Gedanken und Erfahrungen – ich freue mich auf den Austausch! 🙂 Ma’assalama ( Auf wiedersehen) 🌙✨
P.S.: Der Text wurde von einer KI korrigiert, aber der Inhalt wurde von mir selbst verfasst, Ragab Kamal Abouhalima, Doktorand an der Philipps-Universität Marburg.
Ragab Kamal Abouhalima


Ein Muslim erlebt Allerheiligen aus nächster Nähe: eine persönliche Begegnung mit christlichen Traditionen, religiöser Identität und den kleinen Momenten des interreligiösen Dialogs.