Wer wir sind: Herkunft oder Erfahrung?
Wer vierzig Tage mit einem Volk lebt, wird einer von ihnen: Sind wir das, als was wir geboren werden, oder das, was wir erleben?
من عاشر القوم أربعين يومًا صار منهم
Ein arabisches Sprichwort sagt: „Wer vierzig Tage mit einem Volk lebt, wird einer von ihnen.“ Nimmt man diesen Satz wörtlich, mag er zunächst übertrieben erscheinen. Vierzig Tage reichen sicherlich nicht aus, um die Identität eines Menschen vollständig zu verändern. Dennoch steckt darin ein tiefer Gedanke: Der Mensch wird von seiner Umgebung geprägt. Die Menschen, mit denen er lebt, die Sprache, die er hört, die Gewohnheiten, die er beobachtet, und die Erfahrungen, die er macht, hinterlassen Spuren in seinem Denken, seiner Wahrnehmung der Welt und vielleicht sogar in seiner Identität.
Damit stellt sich eine scheinbar einfache, in Wirklichkeit aber komplexe Frage: Wer bin ich? Bin ich das, als was ich geboren wurde? Bestimmen meine Gene, meine Herkunft, mein Geburtsort, meine Sprache und meine Familie, wer ich bin? Oder bin ich auch das Ergebnis dessen, was ich erlebt habe, der Orte, an denen ich gelebt habe, der Menschen, denen ich begegnet bin, und der Kulturen, mit denen ich in Berührung gekommen bin?
Vielleicht gibt es darauf keine einzige Antwort, oder vielleicht sind wir beides und alles.
Ein Mensch kann zum Beispiel arabisch durch seine Herkunft, deutsch durch seine Erfahrungen, europäisch durch seine Lebenswelt und kosmopolitisch in seiner Sicht auf die Welt sein. Besonders durch Migration, Reisen, Studium und Arbeit im Ausland entstehen solche vielfältigen Identitäten.
Hier zeigt sich auch die Idee des „Third Culture Kid“, also des „Kindes der dritten Kultur“. Der Begriff beschreibt Menschen, die zwischen zwei oder mehreren Kulturen aufgewachsen sind oder längere Zeit in unterschiedlichen kulturellen Umgebungen gelebt haben. Ihre Identität lässt sich daher nicht auf eine einzige Kultur reduzieren. Sie leben nicht einfach „zwischen zwei Welten“, sondern entwickeln möglicherweise eine eigene kulturelle Welt, die aus ihren verschiedenen Erfahrungen entsteht.
Diese Erfahrung ist jedoch nicht auf Kinder beschränkt. Auch Erwachsene können sie durch Migration, Studium, Arbeit oder einen längeren Aufenthalt im Ausland machen. Wer beispielsweise in Ägypten aufgewachsen ist und später nach Deutschland zieht, bleibt möglicherweise eng mit seiner Sprache, seinen Erinnerungen, seiner Familie und seiner Herkunftskultur verbunden. Gleichzeitig übernimmt er durch das Leben in Deutschland neue Vorstellungen von Zeit, Organisation, Selbstständigkeit, Arbeit und gesellschaftlichem Zusammenleben.
Dabei handelt es sich nicht einfach um eine Mischung zweier Kulturen. Der Mensch entscheidet ständig, was er aus seiner Herkunft bewahren, aus der neuen Kultur übernehmen oder aus beiden ablehnen möchte. Deshalb entwickelt jeder Mensch seine eigene kulturelle Zusammensetzung.
Der Kontakt mit einer anderen Kultur bedeutet auch nicht unbedingt, sich für eine Kultur und gegen eine andere zu entscheiden. Vielmehr ermöglicht er uns, die eigene Kultur aus einer anderen Perspektive zu betrachten und zu erkennen, dass vieles, was uns selbstverständlich erscheint, kulturell geprägt ist. Gleichzeitig entdecken wir, dass es unterschiedliche Vorstellungen von Familie, Arbeit, Freundschaft, Privatsphäre, Religion, Erfolg und Glück gibt.
Dadurch wird auch die Frage „Woher kommst du?“ komplizierter. Wer in verschiedenen Ländern gelebt hat, weiß manchmal nicht, ob er seinen Geburtsort, seine Staatsangehörigkeit, das Land seiner Kindheit oder den Ort nennen soll, an dem er sich heute zu Hause fühlt. Vielleicht lautet die ehrlichste Antwort: „Ich komme aus all diesen Orten – und gleichzeitig nicht vollständig aus einem von ihnen.“
Identität besteht also nicht nur aus dem, was wir erben, sondern auch aus dem, was wir im Laufe unseres Lebens erwerben. Herkunft, Gene, Sprache, Familie und Geburtsort sind wichtige Teile unserer Geschichte, erzählen aber nicht die ganze Geschichte. Unsere Erfahrungen, Begegnungen, Sprachen und Lebensorte prägen ebenfalls, wer wir werden.
Der Mensch ist deshalb nicht nur das Ergebnis dessen, was ihm bei seiner Geburt mitgegeben wurde, sondern auch dessen, was er erlebt, gelernt, gewählt und abgelehnt hat.Identität ist nichts Feststehendes, sondern entwickelt sich im Laufe des Lebens ständig weiter.
Hier erhält auch das arabische Sprichwort seine tiefere Bedeutung. Es bedeutet nicht unbedingt, dass vierzig Tage ausreichen, um ein anderer Mensch zu werden. Vielmehr zeigt es, dass das Zusammenleben mit anderen Spuren hinterlässt. Je länger und intensiver wir mit anderen Menschen und Kulturen leben, desto stärker können diese Erfahrungen Teil unserer Identität werden.
Vielleicht verlieren wir dadurch unsere ursprüngliche Identität nicht, sondern erweitern sie. Man kann Araber bleiben, ohne nach der Migration noch auf dieselbe Weise arabisch zu sein wie zuvor. Man kann in Deutschland leben, ohne vollständig deutsch zu werden. Aus jedem Ort, an dem wir leben, können wir etwas mitnehmen, das schließlich Teil unserer Identität wird.
Am Ende sind wir beides: das, was wir geerbt haben, und das, was wir erlebt, gelernt und gewählt haben. Wir sind die Orte, aus denen wir kommen, ebenso wie die Orte, durch die wir gegangen sind, die Menschen, denen wir begegnet sind, und die Erfahrungen, die uns verändert haben.
Identität ist daher nicht nur ein Punkt auf der Landkarte und auch nicht etwas, das allein in unserem Blut liegt. Sie entsteht ebenso aus der Art und Weise, wie wir der Welt begegnen – und aus dem, was die Welt in uns hinterlässt.
Vielleicht werden wir deshalb nicht einfach dadurch „einer von ihnen“, dass wir vierzig Tage mit ihnen verbringen. Wir werden es dadurch, dass das Zusammenleben etwas von der Welt in uns hinterlässt – und etwas von uns in der Welt.
Vielen Dank an alle, die mit Interesse lesen und offen bleiben – das bedeutet mir wirklich viel. Teilt gerne eure Gedanken und Erfahrungen – ich freue mich auf den Austausch! 🙂 Ma’assalama ( Auf wiedersehen) 🌙✨
P.S.: Der Text wurde von einer KI korrigiert, aber der Inhalt wurde von mir selbst verfasst, Ragab Kamal Abouhalima, Doktorand an der Philipps-Universität Marburg.
Ragab Kamal Abouhalima

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